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Die Anti-Atom-Initiativen und Umweltschutzorganisationen haben sich enttäuscht über die Pläne der Bundesregierung geäussert, die AKW in Deutschland noch mindestens zehn Jahre laufen zu lassen. »Wer Reaktoren noch mehr als zehn Jahre weiterbetreiben will, von denen selbst die Reaktorsicherheitskommission sagt, sie seien nicht sicher, macht sich völlig unglaubwürdig. So sollen beispielsweise die beiden Meiler im bayerischen Gundremmingen weiterlaufen, die dem Katstrophen-Kraftwerk in Fukushima fatal ähneln«, zeigt sich Jochen Stay, Sprecher der Anti-Atom-Organisation .ausgestrahlt, empört. Luise Neumann-Cosel, Pressesprecherin von X-tausendmal quer, kündigt deshalb weitere Blockaden an: »Die Bundesregierung hat offenbar aus Fukushima nichts gelernt: Kein Atomkraftwerk ist vor einer Kernschmelze sicher, das hat der verheerende Unfall in Japan auf grausame Weise gezeigt. Dennoch will die Koalition die Mehrzahl der AKW in der Bundesrepublik noch jahrelang weiter betreiben. Damit setzt sie die Bevölkerung bewusst dem Risiko einer atomaren Katastrophe aus. Das werden wir nicht widerspruchslos hinnehmen: Ab Pfingsten werden X-tausende Menschen Atomkraftwerke, die nicht abgeschaltet werden, mit Aktionen Zivilen Ungehorsams blockieren. Bereits jetzt haben mehr als 2.500 Menschen angekündigt, an den gewaltfreien Massenblockaden teilzunehmen oder diese zu unterstützen. Die Kanzlerin hofft, jetzt den gesellschaftlichen Konflikt um die Atomkraft befrieden zu können. Doch damit wird Merkel auf Granit beißen: Anstatt das einzig Richtige zu tun, nämlich die AKW jetzt endgültig stillzulegen, präsentiert sie einen halbherzigen Ausstiegsversuch voller Hintertüren. So lässt sich kein Konsens machen.«
Jochen Stay warnt ausserdem vor einem Betrug durch die Bundesregierung: »Wenn es sich bewahrheitet, dass die Bundesregierung die Laufzeiten der Atomkraftwerke weiter in Reststrommengen berechnen will und die Stromkontingente abgeschalteter Meiler auf neuer AKW übertragen werden dürfen, dann bedeutet dies unterm Strich, dass nach den jetzt stillgelegten Reaktoren kein weiterer vor 2021 vom Netz geht, sondern dass sie teilweise weit über das Jahr 2022 laufen werden.« Nach ersten Äußerungen aus der Regierungskoalition sollen auch Reststrommengen des schon 1988 abgeschalteten AKW Mülheim-Kärlich und des seit 2007 stillstehenden AKW Krümmel auf neuere Reaktoren übertragen werden können. »Zusammen mit den Kontingenten aus den anderen Alt-Meilern, die jetzt nicht wieder an Netz gehen sollen, ergibt sich ein Wert, der ausreicht, um alle neun neueren Atomkraftwerke bis mindestens 2021 weiter zu betreiben. Kommt es zusätzlich zu längeren Stillständen wegen Störfällen oder Reparaturen, reichen die Strommengen sogar weit über das jetzt von der Regierung angegebene Enddatum für die Nutzung der Atomenergie im Jahr 2022 hinaus«, befürchtet Stay. Deswegen lasse sich der Beschluss der schwarz-gelben Regierung noch nicht einmal mit dem ursprünglichen rot-grünen Atomkonsens vergleichen. Zwar wurde auch damals von den AKW-Betreibern geschickt mit den Reststrommengen jongliert und ursprünglich anvisierte Ausstiegs-Termine um Jahre verschoben. Trotzdem wäre für die neueren Reaktoren viel früher Schluss gewesen, beispielsweise für Grafenrheinfeld im Jahr 2014, für Gundremmingen B 2016, für Philippsburg 2, Grohnde und Gundremmingen C 2017 und für Brokdorf 2018. »Unterm Strich bedeutet der Koalitionsbeschluss also für eine ganze Reihe von Atomkraftwerken gegenüber dem rot-grünen Szenario eine deutliche Laufzeitverlängerung. Das sollten sich auch SPD und Grüne bewusst machen, wenn sie überlegen, ob sie dieser Entscheidung zustimmen können.«
Die Befürchtung liege auf der Hand, dass es bei einem Verzicht auf den ursprünglich geplanten schrittweisen Ausstieg spätestens 2021 zu einer neuen Debatte kommt, bei der die Stromkonzerne behaupten, neun Reaktoren ließen sich keinesfalls auf einen Schlag ersetzen. Außerdem würde der Weiterbetrieb von so immensen Atomstrom-Kapazitäten über zehn Jahre den Ausbau der Erneuerbaren Energien massiv behindern. »Merkel und Co. haben in Wirklichkeit eine zehnjährige Weiterbetriebs-Garantie für Kraftwerke beschlossen, die nach den ursprünglichen rot-grünen Plänen schon in wenigen Jahren stillgelegt worden wären. Wenn die Kanzlerin das als schnellstmöglichen Ausstieg bezeichnet, dann täuscht sie die Öffentlichkeit und bereitet die nächste Laufzeitverlängerungs-Debatte bereits vor.«
Der WWF kritisiert die Koalitionsvereinbarung zum Atomausstieg als visionsloses Stückwerk. »Die Koalition hat ihren Auftrag zur Energiewende nicht erfüllt«, sagt WWF-Vorstand Eberhard Brandes. Es sei zwar gut, dass sich die Koalitionsparteien auf ein konkretes und verbindliches Ausstiegsdatum aus der Kernenergie geeinigt hätten und acht Meiler abgeschaltet bleiben. Allerdings enthalte die Vereinbarung völlig inakzeptable Elemente. »Eine echte und gelungene Energiewende sieht anders aus. Das Ausstiegsszenario bis 2022 ist zu lang, die erneuerbaren Energien werden beschnitten statt gefördert, uns droht der Bau weiterer Braunkohlekraftwerke und die Gelder für den internationalen Klimaschutz werden kannibalisiert. So verlieren wir im internationalen Klimaschutz massiv an Glaubwürdigkeit. Wie und wofür ein Kernkraftwerk als Kaltreserve vorgehalten werden soll, bleibt offen, ebenso, wie die Koalition auf den Gedanken kommt, dass Deutschland 10 Gigawatt Grundlast zubauen muss. Diese Berechnung ist extrem fragwürdig und scheint vor allem dem Ziel zu dienen, den Bau von Kohlekraftwerken zu rechtfertigen.«
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