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»Occupy Berlin« - Wieder Tausende auf der Strasse | Drucken |  E-Mail
Berlin
Sonntag, den 30. Oktober 2011 um 15:36 Uhr

Asamblea vor dem ReichstagMehrere tausend Menschen haben am Sonnabend in Berlin erneut gegen die Krise und gegen die Abwälzung der Kosten auf die Bevölkerung demonstriert. Zielpunkt der vom Bündnis »Wir zahlen nicht für eure Krise« organisierten Demonstration, die am Roten Rathaus gestartet war, sollte eigentlich der Reichstag sein, doch nahe des Brandenburger Tors versperrte die Polizei dem Marsch den Weg. Daraufhin löste sich der Zug auf und in kleinen Gruppen zog man an den Sperren vorbei durch die Innenstadt - manche nach Hause, andere in Richtung Parlamentssitz. Am Brandenburger Tor hatten sich zugleich Aktivisten der »Occupy«-Bewegung versammelt, die dort in ihrer für Außenstehend leicht esoterisch wirkenden Kommunikationsformen zu ihrer wöchentlichen Aktion zusammengekommen waren.

Dort wurden die Teilnehmer eingeladen, einen Spaziergang durch den Tiergarten zu machen, um sich die Sehenswürdigkeit Reichstag anzusehen. Natürlich sollte alle zueinander genügend Abstand halten, damit die Touristen mit gleichem Ziel nicht behindert wurden. Schliesslich versammelten Demo gegen die Krise durch Berlinsich Hunderte Menschen bei strahlend blauem Himmel auf der Wiese vor dem Reichstag. Die Polizei war wieder einmal sichtlich überfordert mit den Aktionsformen der »Occupy«-Aktivisten. Um das erneute Errichten eines Protestcamps zu errichten, versuchten Gruppen von Uniformierten alle Menschen, die es wagten, sich auf die Wiese zu setzen, wieder hochzuscheuchen. Diese blieben zumeist jedoch unaufgeregt sitzen, denn »Rasen betreten verboten«-Schilder stehen auf der Grünfläche bislang nicht.

Schliesslich versammelten sich die »Occupy«-Demonstranten zu ihrer Kundgebung, die sie in Anlehnung an die spanischen Empörten »Asamblea« nennen. Nachdem an manchen Orten der Einsatz von Megaphonen verboten worden war, hat sich bei diesen Aktionen das »lebende Mikrofon« durchgesetzt: der Redner oder die Rednerin sagt, was sie zu sagen hat, und alle wiederholen es im Chor. Effizient einerseits, aber kaum nachvollziehbar für Zuschauer. »Was beten die denn da?« fragte ein Tourist, der wegen der um die sitzenden Asamblea-Teilnehmer herumstehenden Kamerateams nicht näher herankam.

Die Inhalte der »Occupy«-Bewegung bleiben noch schwammig. Auf einem von den Aktivisten verteilten Flyer heisst es: »Keinen Asamblea auf der ReichstagswieseEFSF-Staatsstreich, Keine ESM-Rettungsschirm-Diktatur, keine Bankenrettungspakete. Dafür Haftung für die Banken und für Banker. Keine Billionen-Schiebereien vorbei an demokratischen Institutionen! Wir wollen eine echte Demokratie.« Wie die jedoch aussehen soll, gibt es keinen Konsens. Dafür Abgrenzungen: »Wir sind weder Anarchisten, noch Kommunisten, noch Konservative, noch Liberale. Wir sind Menschen, ganz normale Bürger, die sich ein humaneres Wirtschaften wünschen und eine Gesellschaft, in der der Mensch und nicht sein Geldbeutel im Mittelpunkt steht. (...) Deshalb distanzieren sich alle OCCUPY-Unterstützer auch von jeder Person, die pöbelt, den Konflikt mit der Polizei sucht oder auf irgendeine Art verbal ausfallend oder körperlich aggressiv wird. Wir distanzieren uns ebenfalls auch von politischen Extremisten. Diese haben nichts mit unseren sozialen und friedliebenden Forderungen zu tun!«

Stattdessen bittet man das System darum, doch bitte Vernunft anzunehmen und fordert: »Ausarbeitung eines sozialverträglichen Notfallplans,  für den Fall, dass die Krise auch nach Deutschland kommt und unser Land finanziell ausbluten sollte.  RUNDER TISCH für ein GESELLSCHAFTLICHES BRAINSTORMING für ALTERNATIVLÖSUNGEN aus Regierung, Wirtschaft und vor allem der BEVÖLKERUNG, um Alternativlösungen zum derzeitigen Wirtschafts- und Finanzsystem öffentlich und ideologiefrei zu diskutieren...«

Auf solchem Idealismus hoffen einige Spinner, ihr Süppchen kochen zu können. So nervte am Rande der gestrigen Versammlung auf der Reichstagswiese die obskure »Bürgerrechtsbewegung Solidarität« mit einer talentfreien Singegruppe und Flugblättern, in denen sie mal wieder ihre Patentlösungen Transrapid und Ausbau der Atomkraft anboten.